Endlich, der Abschluss

Es war so weit, wir bekamen unsere Zeugnisse. Übermorgen war unser Abiball. Es war ein Drama für mich, dafür einen Anzug zu kaufen. Als absoluter Ich-gehe-auf-keinen-Fall-Shoppen-Typ hatten meine Eltern und Bennie mich ganz schön überreden müssen. Ich hatte einfach nicht verstanden, warum ich nicht einen Anzug im Internet bestellen konnte und den zu Hause anprobieren durfte.
Bennie’s Überredungskünste hatten allerdings gegriffen. Und vielleicht auch ein wenig die Wahrmachung der Drohung des Sexentzugs. Ich dachte immer, das machen nur die Mädchen. Nein, mein werter Freund hatte das auch drauf. Ich meinte, hallo? Geht’s noch? Zwei Wochen hielt ich durch. Dann waren Bennie und meine Mutter mit mir in ein riesiges Bekleidungsgeschäft gegangen und wir hatten den Nachmittag mit anprobieren verbracht. Ätzend. Egal, jetzt war es geschafft.
Das letzte Schuljahr war ziemlich aufregend. Nicht nur die Geschichte mit Bennie, auch die Vorbereitung auf das Abi selbst, Vorbereitungen für den Abiball und dann, Trommelwirbel, ja wohl, Bennie und ich machten tatsächlich unsere Bullitour durch Europa für ein Jahr.
Meine Güte, woran man da alles denken musste. Impfungen, Klamotten, Karten, Navi, Reiseführer, Erste-Hilfe-Sets, und noch vieles mehr. Aber wir hatten alles zusammen. Nächste Woche Montag wollten wir starten. Den Bulli hatten unsere Eltern gesponsert. Es hatte sich herausgestellt, dass sie sich gut verstanden.
Wir wollten im Norden starten und uns dann im Kreis um Deutschland herum vorarbeiten. Einen genauen Plan hatten wir nicht. Da wo es uns gefiel, wollten wir ein paar Tage bleiben und alles , was möglich war, anschauen. Mal sehen, wohin uns der Bulli fuhr. Er hieß auf jeden Fall Herbie. Kennt ihr den kleinen VW-Käfer Herbie? Wenn nicht, kann ich euch die Klassiker nur wärmstens ans Herz legen.
Auf jeden Fall wäre Herbie mit uns dann auf großer Tour. Wir hatten viel gespart, extra gejobbt, ich wusste gar nicht, wie viele Pizzen ich ausfahren musste. Wenn nötig würden wir auch unterwegs jobben.
Aber erst mal mussten wir die nächsten Tage überleben. Heute ging’s noch mit den Eltern zum Essen. Meine Eltern, Lisa, Bennie und seine Eltern. Wir hatten einen Tisch beim Chinesen reserviert, da sowohl Bennie als auch ich gerne dort aßen. Ich hätte Lukas auch gerne dabei gehabt, aber er ging mit seinen Eltern woanders hin.
Ich ließ meinen Blick über die Reihen der anderen Mitschüler schweifen. So ganz begreifen konnte ich es noch nicht, dass wir nach den Sommerferien nicht mehr zurückkehren würden. Die meisten begannen ein Studium. Zwei andere entschieden sich für ein Auslandsjahr, ein paar starteten eine Ausbildung. Ich überlegte noch, ob ich nach dem Jahr studieren oder eine Ausbildung machen sollte. Allerdings würde ich wahrscheinlich eher studieren gehen. Einen Ausbildungsplatz so schnell zu finden, wäre bestimmt nicht einfach.
Mein Blick blieb bei Lukas hängen. Er begann eine Ausbildung im Eventmanagement. Das passte auf jeden Fall zu ihm. Im planen von Veranstaltungen war er einfach nicht zu schlagen. Er war auch der erste Ansprechpartner für die Planung des Abiballes. Völlig in seinem Element mit Checklisten erstellen, Aufgaben verteilen, Einladungen versenden und so weiter.
Immer noch schleppte er auf jeder Party eine andere ab. Ich verstand einfach nicht, warum die Mädels sich immer noch darauf einließen. Checkten die es echt nicht, dass er nur auf den Sex aus war und den Kitzel vorher, die Mädchen rumzukriegen? Lukas würde mir auf jeden Fall fehlen in dem Jahr. Dann hatte ich keinen mehr, bei dem ich mich aufregen konnte, wenn Bennie und ich uns gestritten hatten. Seine Weibergeschichten, so sehr sie mich auch anödeten, würden mir ebenfalls fehlen.
Mein Blick glitt weiter und blieb an der Person neben mir hängen. Bennie. Manchmal war es immer noch so unvorstellbar, dass ich mit so einem verdammt tollen und heißen Typen zusammen war. Ich fragte mich immer wieder, wie ich das geschafft hatte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich vor einem Jahr noch nicht einmal wusste, dass ich auf Typen stand.
Bennie bemerkte meinen Blick aus den Augenwinkeln, schaute mich an und lächelte mir zu, mein Lächeln, während er nach meiner Hand griff. Wie immer streichelte er mit dem Daumen über den Handrücken, wie immer bekam ich davon eine Gänsepelle. Würde das jemals aufhören? Ich hoffte nicht.
Ich begann, unruhig auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Wann war die Veranstaltung endlich vorbei? Warum mussten immer so viele Leute Reden halten und wieso durften sie das so ausschweifend?
Nach gefühlten 1000 Stunden, hatten wir es geschafft. Wir saßen endlich beim Chinesen und ich konnte Frühlingsrollen und gebratene Ente essen. Absolut lecker, zum Reinlegen. Abends trafen wir uns bei Lukas. Ein bisschen rumhängen, quatschen, trinken. Die Schuljahre Revue passieren lassen.

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