Input Overload

Nur noch zwei Wochen bis zu den Prüfungen. Mittlerweile drehten alle am Rad und sahen sich reihenweise durchfallen. Ich schüttelte darüber nur den Kopf.
„Du brauchst auch nicht zu lernen und behältst alles in deinem Kopf“, warf mir Flo einen Abend völlig genervt an den Kopf, als er über Mathe hing und zum tausendsten Mal versuchte irgendwelche Formeln umzustellen. Das war für mich das Zeichen, dass er für heute genug gelernt hatte.
Wir waren heute bei ihm und wollten uns eine Pizza bestellen. Unsere Eltern hatten sich daran gewöhnt, dass wir entweder bei mir oder bei ihm übernachteten. Sie hatten schon scherzhaft nach einem Übernachtungsplan gefragt, damit sie wissen, wann sie mehr oder weniger einkaufen müssten.

Ich nahm Flo den Stift aus der Hand und schlug das Buch zu. „Das reicht für heute. Wenn du noch eine Minute länger lernst, gehe ich nach Hause und du kannst heute Nacht alleine schlafen. Du brauchst etwas Wind um die Ohren. Als erstes gehen wir an den Strand. Dann holen wir uns den weltbesten Döner und zum Schluss schauen wir irgendeine sinnfreie Serie und stellen für den Rest des Tages das Denken ein“, entschied ich energisch und Flo schaute mich erstaunt an.
„Was wird das denn jetzt?“, rief er entgeistert auf und griff nach dem Buch, dass ich ihm entzog.

„Unser Abendprogramm. Ordnest du dich unter oder willst du alleine schlafen? Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass das Ende interessant werden könnte, mit viel nackter Haut, Massageöl, Küssen, die sich den Oberschenkel hinauf den Weg suchen, Streich…“
„Hör sofort auf oder wir ziehen das Ende vor. Da bekommt man ja alleine beim Gedanken einen Steifen“, unterbrach er mich mit einem Lächeln auf den Lippen. „Bin ich gerade so ätzend?“, setzte er entschuldigend hinterher.
„Ja, bist du, aber du hast Glück, dass ich dich liebe und du mein Flomuffel bist. Deswegen räume ich dir noch eine Chance ein“, erwiderte ich gespielt ernsten Unterton. Er grinste mich an, zog mich zu sich auf den Schoß und küsste mich.
„Dann lass uns los, Nerd.“

Wir standen auf, zogen unsere Schuhe an und gingen gewohnt schweigend nebeneinander zum Strand. Es faszinierte mich jedes Mal von neuem, dass dieses Schweigen nie unangenehm war. Ich es genoss, nur neben ihm herzugehen, seine Nähe spüren zu können und dabei seine Hand zu halten.

Am Strand herrschte eine leichte Brise und das Meer war ruhig. Da es in den letzten Tagen nicht geregnet hatte, war der Sand trocken und ich setzte mich in der Nähe des Wassers hin. Florian ließ sich hinter mir in den Sand plumpsen, rückte näher und umschlang mich mit seinen Armen. Seine Beine stellte er links und rechts neben mir auf, so dass ich meine Arme um sie legte.

Wir blieben noch eine Weile still sitzen und genossen weiterhin nur die Nähe des anderen, während der leichte Wind uns den Kopf freipustete. Es hatte etwas Meditatives so nah am Meer zu sitzen.

„Du hattest Recht, es tut echt gut mal wieder raus und den Kopf frei zu bekommen. Da war schon Input Overload, aber ich hab’s einfach nicht bemerkt“, durchbrach Florian nach einer Weile die Stille.
„Eindeutig“, antwortete ich nur einsilbig.
„Nerd, ich wollte dich schon seit zwei Wochen fragen, ob du vielleicht Lust hast, nach den Prüfungen mit mir nach Essen zu kommen. Ich wollte Jonas besuchen und meine Eltern schenken mir den Hotelaufenthalt. Wenn du mitkommst, kann ich dir einen Teil meines Lebens zeigen.“

Mit Florian nach Essen? Auf jeden Fall wollte ich wissen, wo er aufgewachsen, zur Schule gegangen war und Unsinn angestellt hatte.
„Natürlich, was für eine Frage. Ich habe nur die Bitte, dass wir bis zum 21. Juni wieder zurück sind.“
Er brauchte nicht fragen, warum, er kannte die Innschrift des Grabsteines mittlerweile auch auswendig.
„Das habe ich bereits einkalkuliert. Wir würden am 15. Juni wieder da sein. Ich habe bereits ein Zimmer in einem Hotel in der Innenstadt reserviert. Und Karten für das Stratmanns Theater, GOP und Das kleine Theater besorgt. Ach, und Jonas und seine Freundin kommen ins Stratmanns und GOP mit. Ist das in Ordnung?“

Godverdomme, das war eine Überraschung. „Du hast ja bereits alles geplant. Warst du dir so sicher, dass ich mitkomme?“, fragte ich ihn erstaunt.
„Ich war mir zu 99% sicher. Ich habe übrigens mit deiner Mutter schon darüber gesprochen und sie ist Feuer und Flamme.“ Ich hörte das Lächeln aus seinen Worten. „Nach dem schweren Jahr, will ich dir wieder schöne Erinnerungen schenken und du lernst mich dabei besser kennen und natürlich meine Freunde in Essen.“

Als ob er mir nicht bereits jeden Tag schöne neue Erinnerungen schenkte. Ich versuchte, jeden Augenblick mit ihm zu genießen und es gab Momente da wünschte ich mir, die Zeit anhalten zu können und den Augenblick festzuhalten. Bei Heiner hatte ich das Gefühl nie.

„Ich freue mich jetzt schon total auf die zwei Wochen. Danke dir. Da werde ich mir wohl einen ganz besonderen Dank überlegen.“ Ich beugte meinen Kopf und gab ihm einen Kuss auf seine verschränkten Hände vor meiner Brust. Er legte seinen Kopf auf meiner Schulter ab.
„Ich wüsste da schon was. Dafür müssen wir aber zu Hause sein“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich grinste.
„Auf keinen Fall bedanke ich mich so bei dir. Mir wird etwas anderes einfallen. Darauf kannst du dich verlassen. Was nicht heißen soll, dass der Abschluss unseres Abends ausfallen wird.“
„Gut.“

Er gab mir einen sachten Kuss in die Beuge zwischen Nacken und Schulter. Ich schauderte wohlig. Es war eine meiner Schwachstellen und Florian hatte sie schnell gefunden. Wir saßen noch eine Weile schweigend im Sand und genossen die letzten Sonnenstrahlen, bevor sich die Sonne anschickte unterzugehen.

„Hunger?“, fragte ich Florian.
„Mh, lass uns Döner holen.“ Wir standen auf, besorgten uns Döner und aßen diese bei Florian im Wohnzimmer, während wir die sinnfreie Serie bereits anfingen.
„Warum genau schauen wir nochmal Suits?“, fragte Florian mich zwischen zwei Bissen. „Weil Patrick J. Adams heiß ist“, antwortete ich. Wir sind zwar beide nicht für Anwaltsserien, aber diese war erstens mit einem heißen Hauptdarsteller besetzt und zweitens gar nicht so schlecht.

„Ach ja, ich hab’s schon wieder vergessen. Danach dann aber Will and Grace? Ich weiß, die Serie ist uralt, aber soll total witzig sein und ich will sie endlich sehen. Habe extra alle Staffeln gekauft.“ Florian war auf der Suche nach einer neuen Serie vor zwei Wochen auf Will und Grace gestoßen und fand allein die Beschreibung so lustig, dass er direkt alle Staffeln auf DVD gekauft hatte, da die Serie nirgends lief.

„Jaaaaaaa, du Flomuffel. Wir sind ja hier bald durch. Aber so lange lässt du mir den Patrick J. Adams.“ Ich verdrehte die Augen und er lachte.

Nachdem wir aufgegessen hatten und die Folge vorbei war, beschloss Florian, dass es zu Bett-geh-Zeit war. Er schaltete den Fernseher aus, räumte das Papier weg und stellte sich dann auffordernd vor mir auf, während ich immer noch gemütlich auf dem Sofa lag.
„Ja bitte?“ fragte ich ihn unschuldig.
„Nix ja bitte. Jetzt haben wir Spaß und zwar lange und ausgiebig. Und wehe du vernachlässigst meine kleinen Freunde. Oder lässt auch nur einen versprochenen Kuss aus auf dem Oberschenkel aus oder deine Hände halten die Streicheleinheiten nicht ein. Aber vor allem, wehe, du massierst mich nicht!“

Ich grinste ihn an. „Ist da schon jemand aufgeregt?“ Ich griff ihm in den Schritt, aber zur Zeit war noch nichts zu spüren. Ich wusste allerdings, dass sich das gleich ganz schnell ändern würde. Florian fasste nach meinem Arm und zog mich hoch in sein Zimmer, wo er direkt ohne Umwege das Bett ansteuerte und sich mit mir darauf fallen ließ. Er fing an mich zu küssen und wir zogen uns gegenseitig aus.

Dann begann ich mein abschließendes Abendprogramm, kramte das Massageöl hervor und begann Florian zu massieren und zu küssen. Ich merkte, wie die Anspannung aus seinem Körper wich, die in letzter Zeit durch das ständige Lernen vorhanden war. Es wurde ein langer und ausgiebiger Abend.

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Patricia Renoth

Patricia Renoth verfasst Liebesromane bzw. Romance und New Adult. Die Autorin schreibt mit viel Kreativität und noch mehr Gefühl.

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