Das Pferd von hinten aufgezäumt

Ich verließ die Uni mit Freunden aus meinem Studiengang. Es war Montagabend und wir hatten zusammen gelernt. Auf dem Platz vor der Uni blieben wir stehen und quatschten noch ein wenig. Ich merkte, wie die Mädchen nach einer Weile immer wieder mit dem Kopf Richtung Straße deuteten und folgte ihrem Blick.
Da stand er. Mein Herz hüpfte und in meinem Bauch lernten die Schmetterlinge fliegen. Er lehnte an einem Auto, beobachtete uns und sah verdammt gut aus. Dabei war er nur schlicht gekleidet, Jeans und ein einfaches weinrotes Shirt.
Ich konnte meine Augen nicht mehr von ihm abwenden. Gut, dass ich bei meiner Position den Kopf nicht allzu sehr verdrehen musste.
„Der sieht echt gut aus. Auf wen der wohl wartet?“
„Ist euch mal aufgefallen, dass er die ganze Zeit zu uns schaut?“
„Du hast recht, wen meint er wohl?“
Die Damen redeten ausschließlich von ihm. Ich bekam es nur am Rande mit. Julian hatte bemerkt, dass ich ihn beobachtete und unsere Blicke trafen sich. Er lächelte und setzte sich in Bewegung.
„Er kommt rüber.“
„Der will bestimmt zu dir, Marie. Du siehst am besten aus von uns.“
Das Geschnatter wurde immer aufgeregter, bis es verstummte. Julian war bei uns angekommen. Er ging direkt auf mich zu und stellte sich neben mich. Ich drehte mich ihm ganz zu. Alle in der Runde starrten zu mir. Ich schaute in die Runde und zuckte mit den Schultern, konnte mir das Lächeln nicht verkneifen.
„Hey Matze“, begrüßte er mich.
Ach, erwähnte ich schon, dass ich Matthias heiße? Nein? Also kurz vorgestellt, ich heiße Matthias Levandic, kurz Matze, und studiere zur Zeit Mathematik und Physik, nicht auf Lehramt.
„Hey“, gab ich zurück. Mir immer noch aller Blicke bewusst. Bestimmt fragten die sich jetzt, was zwischen uns lief. Aber ehrlich gesagt, wusste ich es selbst nicht. Ich wusste nur, dass dieser Typ sich seit zwei Tagen in meinen Gedanken festgesetzt hat.
„Hast du Zeit?“, fragte er.
„Klar, wozu?“, erwiderte ich.
„Dachte mir, da wir das Pferd von hinten aufgezäumt haben, könnten wir heute vielleicht von vorne anfangen und essen gehen.“
„Und du bist der Überzeugung, dass wir das hinbekommen?“, entgegnete ich grinsend.
„Wir könnten es zumindest mal versuchen. So richtig, mit Restaurant, hinsetzen, reden und zivilisiert mit Messer und Gabel essen. Habe gehört, das funktioniert“, konterte er und grinste ebenfalls dabei.
„Restaurant? Du meinst diese Gebäude in denen es Tische und Stühle gibt? Da laufen Leute herum, die wie Pinguine aussehen?“
„Genau, und die bringen auch Essen, aber nicht in Pappschachteln, sondern auf echten Tellern aus Porzellan.“
„Wow, das will ich versuchen. Aber wir müssen erst bei mir anhalten, ich würde mich gerne umziehen.“
„Du siehst gut aus. Lass uns los, ich habe Hunger. War ein langer Tag.“
„Gut, essen wir.“
Während des Gesprächs hatte ich die Anderen völlig ausgeblendet und erinnerte mich plötzlich an sie. Mir fiel tatsächlich noch ein Julian vorzustellen, bevor wir uns verabschiedeten und auf den Weg machten.
„Ist das jetzt ein richtiges Date oder nur ein Essen unter Freunden?“, fragte ich Julian neugierig.
„Was hättest du denn gerne?“, kam es von ihm zurück.
„Man beantwortet keine Frage mit einer Gegenfrage. Also, habe ich einem Date oder einem Essen mit einem Sexpartner zugestimmt?“
Ich wusste nicht genau, was ich denken sollte, warum konnte er mir nicht einfach die Frage beantworten? Ich war verunsichert. Er schaute mich an.
„Schau nach vorne. Du musst fahren.“ Verunsichert spielte ich mit meinen Händen.
„Weißt du, das es echt Spaß macht, dich aus dem Konzept zu bringen? Ist das immer so?“, äußerte er jetzt. Oh man, musste das sein? Konnte er nicht einfach meine Frage beantworten?
„Normalerweise geht das nicht so einfach, aber du, keine Ahnung, du machst mich irre. Das kenne ich überhaupt nicht“, rechtfertigte ich mich und wurde mir in dem Moment bewusst, was ich gesagt hatte.
Er lächelte. „Es ist ein Date, in Ordnung? Ich wollte dich wiedersehen.“
Warum war der Typ nur so schrecklich selbstsicher? Wie machte er das nur? Aber ich lächelte auch wieder und betrachtete ihn von der Seite. Meine Schmetterlinge, die bis jetzt ignoriert hatte, waren nun der Meinung erst recht flattern zu müssen. Ich war gerade dabei, mich zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft zu verlieben. Nicht nur einfach verknallt sein, sondern so richtig, mit Haut und Haaren und Schmetterlingen und was sonst noch so dazu gehört.
Beim Essen erzählte er mir ein wenig aus seinem Alltag. Er war bei der Bundeswehr und hatte bereits einen Auslandseinsatz hinter sich. Ich fragte ihn aus, begierig über jede noch so kleine Information über ihn. Aber auch ich blieb nicht unverschont. Wir redeten, bis wir freundlich vor die Tür gesetzt wurden. Ganz Gentlemanlike brachte er mich natürlich nach Hause und ich bat ihn zu einem Kaffee in mein Zimmer.
Diesem Abendessen folgten noch viele weitere und ehe wir uns versahen, war ein halbes Jahr um und Julian und ich konnten nicht mehr sagen, wann wir ernsthaft zusammen gekommen waren. Wir waren es einfach irgendwann.

 

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