Wenn Wellis sich unterhalten

Nella saß auf dem Boden, um sie herum der auseinandergebaute Käfig, den sie reinigen wollte.
Sie hörte ihre Wellis, sehen konnte sie ihre Kröten nicht. Die hatten sich hinter der Wand

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Casian, Cap, Siers, Capper auf ihrer Lampe

auf ihrer Lieblingslampe mit dem Gerüst niedergelassen. Ihr Wohnzimmer war in U-Form gebaut. Im Fernseher lief eine Serie und die vier Vögel zwitscherten zu der Hintergrundmusik, die ihnen gefiel.
Während sie den alten Sand in die Mülltüte entsorgte, hörten die Wellis plötzlich mit Zwitschern auf und eine Diskussion entspann sich. Nella hob den Kopf und konzentrierte sich auf die Unterhaltung. Wenn die vier miteinander sprachen, hatte sie bereits manches Mal gelacht.
»Wir haben heute nicht dieses leckere grüne Zeug zum Frühstück gekriegt. Ich hatte so darauf gehofft, wieder etwas zu bekommen«, machte Nella die Stimme von Capper aus.
»Meinst du das runde grüne Ding? Das nennt sie Gurke und das, was sie immer ins Wasser legt ist Salat«, brüstete sich Siers. Sie war eine kleine quirlige Vogeldame, die sehr schnell lernte und das tat sie mit ihren sechs Monaten zurzeit ausgiebig.

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Capper

»Außerdem bekommst du den ganzen Tag Durchfall davon und dann müssen wir wieder diese zerbröckelten Haferflocken fressen«, entgegnete Cap und fiel Capper in den Rücken, der ein beleidigtes Zwitschern von sich gab.
Nella lächelte. Am Anfang war es nicht leicht, die Stimmen ihrer vier Wellis auseinanderzuhalten, weil sie ähnlich klangen, aber mittlerweile hatte sie den Dreh raus.

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S

Cap und Siers waren seit kurzem unzertrennbar und ständig einer Meinung, von daher wunderte es sie nicht, dass Cap zu seiner Freundin hielt. Sie griff in den Putzeimer und holte den Schwamm hervor, um den Käfigboden zu schrubben und weiter zu zuhören. Am liebsten hätte sie den Ton vom Fernseher herunter gedreht, aber dann würden die Vögel Lunte riechen und das Gespräch einstellen.
»Ich mag die Gurke nun mal so gerne. Vor allem das in der Mitte, davon kann ich nicht genug kriegen.«
»Mal was anderes, habt ihr mitbekommen, dass die Elster seit drei Tagen nicht mehr da ist?«, vernahm ich das erste Mal Casians Stimme. Er war der ruhigste und jüngste der Vieren.
»Was, wirklich?«, rief Cap entsetzt aus. »Sie war so schön anzusehen. Warum sie wohl we… Aua!« Siers hatte Cap bestimmt mit dem Schnabel gepikst. Das machte sie immer, wenn ihr etwas nicht gefiel, vor allem bei Cap.
»Hast du der genauso hinterhergestarrt, wie Casian?«, schrie sie empört auf.
»Aber der Capper hat auch geschaut«, verteidigte sich Cap und Nella schmunzelte

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Siers

wieder. Sie hatte seit Wochen beobachtet, wie die drei Herren jeden morgen eine Zeitlang auf den Plissees einträchtig nebeneinandersaßen und in den gegenüberliegenden Baum gestarrt hatten.
»Mir egal, ob Cap geschaut hat. Der interessiert mich nicht.«
»Ich gehe mal gucken, wie weit das federlose Wesen mit dem Käfig ist. Die braucht immer eine Ewigkeit und ich habe Hunger«, meinte Cap und kam in Nellas Sichtfeld geflogen. Er hatte durchgängig Appetit. Das sah man ihm leider auch an, doch seitdem die beiden Jungvögel dazugekommen waren, hatte er wieder mehr Bewegung und ein klein wenig abgenommen.
»Woher weißt du das mit der Elster«, fragte Cap Casian derweil.
»Die Tauben von nebenan haben es gestern Nachmittag erzählt, als du geschlafen hast. Da saß ich am Seitenfenster und habe an der Deko geknabbert.«
Nella schaute zu ihrer Fensterdeko, die hauptsächlich aus einer Holzkette bestand, die

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Casian

mit einem Band zusammengehalten wurde. Sie war bereits um einiges geschrumpft, da Casian gerne an dem Faden kaute.
»Hey, sie ist immer noch dran. Das federlose Wesen ist echt langsam. Der Käfig ist nicht mal zusammengebaut«, brüllte Cap durch den Raum, der auf einem Plissee am Fenster Platz genommen hatte. Nachdem er seine Info losgeworden war, begab er sich wieder zu den anderen.
»Sei nicht so böse. Ohne die Federlose würden wir keine Hirse kriegen. Wir haben sie nicht umsonst mit in unserem Schwarm aufgenommen«, wies Capper ihn zurecht, der nur einen missmutigen Zwitscherlaut von sich gab.
»Ich verstehe sowieso nicht, warum ihr das gemacht habt. Sie kann nicht fliegen, ist viel langsamer als wir und so schrecklich groß. Die könnte die angewachsene Sitzvorrichtung komplett um uns schlingen«, hörte Nella jetzt Siers. Ja, Siers und Casian waren ihr gegenüber noch sehr misstrauisch. Die Vorsicht vergaßen sie allerdings, wenn sie mit Hirse um die Ecke kam.
»Ihr werdet es irgendwann begreifen. Uns geht es hier richtig gut. Wir müssen uns um keine Feinde kümmern, kriegen das Fressen und Wasser vorgesetzt und können den ganzen Tag machen was wir wollen«, erklärte Capper geduldig.
»Aber abends werden wir in den Käfig gesperrt«, begehrte Casian auf.
»Na ja, wir würden so oder so zum Schlafen in den Käfig gehen. Von daher ist es egal«, meinte Cap und gähnte herzhaft.
»Schlafen ist eine gute Idee«, stimmte ihm Siers zu und gähnte ebenfalls. Bei Vögeln ist es ebenso ansteckend wie bei Menschen.
Nella hörte es leise klingeln, als wahrscheinlich Siers und Cap an die Glocke vom Gerüst stießen. Sie krabbelten bestimmt auf ihre Lieblingsstelle dort, um an den Kordeln zu knabbern. Von den anderen beiden war ebenfalls nichts mehr zu hören und Nella erhob sich, um um die Ecke zu schauen.
Fast alle waren eingeschlafen. Nur Capper saß friedlich auf einer Ecke und brachte sein Gefieder in Ordnung. Lächelnd setzte sie sich wieder auf den Boden und beendete die Käfigreinigung. Wenn sie in einer halben Stunde aufwachten, würden sie bestimmt fressen wollen, dann sollte der Käfig an der richtigen Stelle stehen.

 

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Patricia Renoth

Patricia Renoth verfasst Liebesromane bzw. Romance und New Adult. Die Autorin schreibt mit viel Kreativität und noch mehr Gefühl.

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